TRAFFIC PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Christian Flückiger   
Mittwoch, 11. April 2001 00:00
Interview mit dem Regisseur von     TRAFFIC
aus: Berner Zeitung,Ausgehmagazin Nonstopp Nr. 80/5.bis 11. April 2001

Filmen ist nichts für Angsthasen

Oscargewinner Steven Soderbergh über "Traffic";
Interview:Christian Flückiger;

Sie veranschaulichen Amerikas Drogenmisere anhand von drei parallel laufenden Geschichten. lst die Realität zu komplex, um sie auf einer Ebene zu erfassen?
Steven Soderbergh: Nicht die Realität im Allgemeinen. Aber dieses Thema. Es gibt wahrscheinlich auch andere Themen, die mit verschiedenen Erzählebenen verfilmt werden sollten. Aber man muss vorsichtig sein. Wenn man zu viele Dinge einbringt, wird es schwierig, die Zuschauer emotional an die Geschichte zu binden.

In "Traffic" sind viele Stars in Rollen zu sehen, in denen man sie nicht erwartet hätte ...
Man muss Stars aus ihrem gewohnten Umfeld herausnehmen. Aber nicht so, dass das Publikum findet: "So was will ich von dir nicht sehen." Wenn mir das gelingt, bekommen alle, was sie wollen: Die Stars sind an einem Film beteiligt, der anders ist als alles, was sie bisher gemacht haben, und ich kriege die Leute dazu, einen Film zu sehen, der sie normalerweise nicht interessieren worde.

Davon hat offensichtlich auch Julia Roberts profitiert, die dank der ungewöhnlichen Rolle in lhrem letzten Film ”Erin Brockovich” den lange ersehnten Oscar holte. Das war eine Rolle, die absolut zu ihren Stärken passte, aber überhaupt nicht in der Art, für die sie bisher bekannt war. Rückblickend ist es ein grosser Triumph, aber zu Beginn waren wir alle sehr nervös.Julia hatte bis dahin noch nie Erfoig mit einem Drama, den Filmtitel fanden alle entsetzlich. Es gab keinen Sex und keine Action, nur Leute, die zwei Stunden und zehn Minuten lang redeten. Es gab keinen Hitsong, kein Video, kein Vorhaben für eine Fortsetzung. Kurz: Es gab nichts von dem, was ein Studio normalerweise verlangt. Als der Film dann gross herauskam, taten dennoch alle so, als hätten sie seinen Erfoig schon lange vorhergesehen.

Früher drehten Sie mit wenig Geld exquisite kleine Filme. Heute arbeiten Sie mit bedeutend mehr Geld für grosse Filmstudios. Was fällt lhnen leichter?
Einen teuren Film mit Stars zu drehen ist nichts für Angsthasen. Es ist, als ob man während eines Jahres im Düsenstrahl eines Flugzeugtriebwerks stehen würde. Schonungslos. Wer sein kleines Filmchen an der Ecke drehen will, soll das tun. Es ist viel einfacher. Die Leute machen einen nicht fertig, wenns danebengeht. Das Problem ist: Niemand schaut sich soiche Filme an.

lst die Zeit, als man lhren Narnen mit kleinen, unabhcingig produzierten Filmen in Verbindung brachte, vorbei?
Ichh habe mich entschieden, keine Filme mehr zu drehen, die nur auf Toiletten gezeigt werden.Es ist frustrierend, eineinhalb Jahre harte Arbeit in einen Film zu investieren und ihn nach einer Woche den Leinwänden verschwinden zu sehen. Aber es gibt neben der Kunstfilmfalle natürlich auch eine Grossproduktionsfalle. Die Herausforderung ist, weder in die eine noch in die andere zu tappen.

Was ist für Sie das Schlimmste bei der Arbeit an einem kostspieligen Hollywoodflim?
Ich musste andauernd Urteile über mich ergehen lassen, an welchem Punkt des Films ich mein Publikum verlieren werde. Aber auf das Drehen bezogen gab es nie Kompromisse. Ich habe meine Filme genau so gemacht, wie ich sie wollte.

Sind Sie da ganz sicher?
Sehen Sie, ich hätte eine viel, viel schwärzere Version von ”Traffic” abliefern können. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte nicht 46 Millionen Dollar für einen Film ausgeben, der genau die Leute abschrecken würde, die ich eigentlich erreichen möchte.

Was für ein Publikum wollen Sie mit ”Traffic” ansprechen?
Ich möchte, dass sich das weisse Mittelklasse-Amerika ”Traffic” ansieht und sich Gedanken über den Drogenkrieg macht. Wenn man das tut, will man nicht, dass die Leute aus dem Kino rennen und sich sagen:«Wir haben gerade zweieinhalb Stunden unseres Lebens verschwendet.»

Sie scheinen lhr Ziel erreicht zu haben. Zunächst deutete nichts auf den Erfolg von ”Traffic” hin.Wenn Sie mir während der Dreharbeiten gesagt hätten, dass der Film in den Vereinigten Staaten 70 Millionen Dollar einspielen werde, hätte ich gesagt, Sie seien stoned.

Wenn wir schon beim Them sind: Glauben Sie, dass man dm Kampf gegen Drogen gewinnen kann?
Ein Teil des Problems - dem sich der Film ja annimmt - ist, dass man es als einen Kampf hochstilisiert. Das finde ich doch sehr verquer. Ich glaube zwar nicht, dass sich das Problem lösen 1ässt, aber man könnte es sicher besser anpacken, als wir es zurzeit in Amerika tun.

Machen Sle Vorschläge.
Man kann zum Beispiel Besseres tun, als Drogenkonsumenten einzusperren, die nicht gewalttätig sind. In den Vereinigten Staaten sind mehr Leute wegen Drogenvergehen im Gefängnis als in Europa insgesamt.

Glauben Sie, dass es den Amerikanern leichter fällt, gegen etwas zu sein, als nach dem Warum zu fragen?
Absolut. Vom politischen Standpunkt aus gesehen ist es viel sexier zu sagen:«Wir ziehen gegen die Drogen in den Krieg.» Das Problem ist, dass die Politiker in den letzten dreissig Jahren einen hervorragenden Job im Dämonisieren der Drogen gemacht haben. Und jetzt, wo sie sehen, dass ihre Massnahmen nichts taugen, können sie nicht mehr zurück.

Weshalb nicht?
Sie können nicht sagen:«Oh, erinnert ihr euch daran,,dass wir einmal behaupteten, dass Leute, die Drogen nehmen, der Teufel sind? Tja, das ist nicht wahr. Es sind Menschen, und wir soilten ihnen helfen.» Das geht nicht.Oder glauben Sie etwa, George Bush würde so etwas tun?

INTERVIEW: CHRISTIAN FLÜCKIGER
 

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