Antidrogen-Strategie, Luftbesprühungen von illegalen Pflanzungen und deren Auswirkungen auf Gesellschaft, Umwelt und Politik in Kolumbien PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Ricardo Vargas Meza   
Mittwoch, 15. September 1999 00:00
TRANSNATIONAL INSTITUTE TNI – ACCIÓN  ANDINA COLOMBIA

Antidrogen-Strategie, Luftbesprühungen von illegalen Pflanzungen und deren Auswirkungen auf Gesellschaft, Umwelt und Politik in Kolumbien


Vgl. „Estrategia antidrogas, fumigaciones aéreas de cultivos ilícitos y sus impactos socioambientales y políticos en Colombia", Bogotá September 1999 Ricardo Vargas Meza
Ricardo Vargas ist Soziologe und einer der besten Kenner des kolumbianischen Drogenproblems mit div.Veröffentlichungen zum Thema. Übersetzung und Redaktion des spanischen Textes: Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, Postfach 100, CH-4007 BASEL (Schweiz); Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
Einführung

Das Resultat der seit 1975 im Rahmen der Operation Cóndor in Mexiko angewandten Massnahmen zur Beendigung des Marihuana-Anbaus war, dass sich Kolumbien zwischen 1976 und 1979 zum Hauptproduzenten von Cannabis entwickelte und die USA als Hauptabnehmer zu beliefern begannen. Gleichzeitig mit der Verlagerung dieser Produktion und als eine Ausweitung dessen, was bereits in Mexiko stattgefunden hat, verwandelte sich Kolumbien ab 1978 in ein weiteres Szenario für die Anwendung der Politik der zwangsweisen Ausrottung mittels Herbiziden.

 Das Resultat der seit 1975 im Rahmen der Operation Cóndor in Mexiko angewandten Massnahmen zur Beendigung des Marihuana-Anbaus war, dass sich Kolumbien zwischen 1976 und 1979 zum Hauptproduzenten von Cannabis entwickelte und die USA als Hauptabnehmer zu beliefern begannen. Gleichzeitig mit der Verlagerung dieser Produktion und als eine Ausweitung dessen, was bereits in Mexiko stattgefunden hat, verwandelte sich Kolumbien ab 1978 in ein weiteres Szenario für die Anwendung der Politik der zwangsweisen Ausrottung mittels Herbiziden.

Das hatte zur Folge, dass die am Drogenhandel beteiligten Organisationen in den achtziger Jahren an sozioökonomischem, politischem und militärischem Gewicht gewonnen hatten. Das Hauptziel der Antidrogen-Massnahmen war die Zerstörung der organisierten Kriminalität, welche sich dem illegalen Drogenhandel widmete. Das Thema der Auslieferung der Drogenhändler in die USA entwickelte sich zu einem entscheidenden Thema auf Regierungsebene. Auf der anderen Seite entwickelte sich der Krieg gegen die verschiedenen Staatsorgane und die Repräsentanten des kolumbianischen Volkes, die für ein entschlossenes Vorgehen der Autoritäten plädierten, zur terroristischen Zielscheibe der Drogenhändler.

 

Anfangs der neunziger Jahre ergeben sich allerdings neue Situationen, die das typische Szenario der achtziger Jahre in Kolumbien verändern:
  1. Die Drogenwirtschaft wird erweitert um den Anbau von Schlafmohn und der Verarbeitung und des Handels mit Heroin nach den USA.
  2.  

  3. Die Strategie der alten Drogenkartelle, die Konfrontation mit dem Staat, gerät in eine Krise und endet mit dem Tod von Pablo Escobar. Auch wachsen neue unbekannte Organisationen heran, die regional arbeiten und sich auf den Export von Drogen in die neuen Märkte in Europa, Osteuropa und selbst den USA spezialisieren.
  4.  

  5. Die Präsenz dieser neuen und dezentralisierten Organisationen kurbelt die Nachfrage nach den Rohstoffen der Kokapaste und Mohnlatex an. Dies führt zusammen mit der wirtschaftlichen Krise im Landwirtschaftssektor zu einem noch nie dagewesenen Höhepunkt des Koka-Anbaus in Kolumbien, so dass das Land im Verlauf der neunziger Jahre weltweit zum Hauptproduzent von Koka wird. Mit der Verlagerung der Kokaproduktion wird ein neues Szenario in Kolumbien geschaffen. Es wir in der gesamten Andenregion das Land, das den grössten Beitrag zur Weltgesamtproduktion leistet.
  6.  

  7. Mit dem Aufschwung des Anbaus zeigt sich auch eine Verzerrung der Prozesse der Bevölkerungsansiedlung in den Produktionsgebieten sowohl von der Stadt als auch vom Land in ökologisch sensible Zonen. So im Amazonasgebiet, in dem am meisten Koka wächst, aber auch in den Wäldern des Andenhochplateaus und des Páramos – eine Art Hochmoor - , in denen der Mohn gedeiht. Der Aufschwung der Produktionsgebiete hat vermehrt zu Beschlüssen bezüglich Besprühungen der illegalen Anbauflächen geführt, was auch die sozialen Probleme in den Gemeinden vergrössert hat, die einseitig von dieser Wirtschaftsform abhängig wurden.
  8.  

Geschichtlich gesehen hat Kolumbien seit der Marihuana-Ära Mitte der siebziger Jahre bis heute ein Prozess der Probeeinsätze und der illegalen Vernichtungsaktionen erlebt. Auch wurden formelle Beschlüsse über den Gebrauch von Herbiziden durch Luftbesprühungen getroffen. In diesem Sinne sind illegal und legal Besprühungen und Versuche auf offenem Felde mit Paraquat (1978), Triclopyr (September 1985) und Tebuthiuron (April 1986) durchgeführt worden. Seit 1986 und bis heute verwendet man ständig und offiziell Glifosat (1) . Am Ende der Dekade wurde der Druck seitens der amerikanischen Regierung verstärkt, um Einsätze mit neuen Herbiziden zu entwickeln, die das Glifosat ersetzen sollen, da die bisherigen Vernichtungsmassnahmen in Bezug auf die tatsächliche Abnahme der Anbaufläche gescheitert sind. Deshalb wird in letzter Zeit mit Imazapyr (August 1998) experimentiert, und man verlangt den Probeeinsatz und Gebrauch von Hexazinona (Velpar) und wieder Tebuthiuron (Spike). Im Rahmen des bewaffneten Konfliktes in Kolumbien erscheint diese neue Situation, die sich durch den vielseitigen Aufschwung des illegalen Anbaus auszeichnet, komplexer denn je. Dies wegen der territorialen Kontrolle, welche die verschiedenen bewaffneten Akteure über die Produktions- und Verarbeitungsgebiete von illegalen Stoffen ausüben, sowie auch die Kontrolle über die Routen der Drogenschiffe und Landepisten der Flugzeuge, welche für den Export von illegalen psychoaktiven Stoffen und für den Waffenschmuggel gebraucht werden. Auf diese Weise entwickelt sich daraus für die verschiedenen bewaffneten Akteure eine finanzielle Quelle, welche hauptsächlich der Stärkung ihrer logistischen und technischen Fähigkeiten zur Kriegsführung dient.

Somit haben die Antidrogen-Beschlüsse von Washington direkt und indirekt einen Einfluss auf den Konflikt, wobei sich die Grenzen zwischen Aufstandsbekämpfungs- und den Antidrogen-Beschlüssen immer mehr verwischen. Die aktuelle politische Situation zeichnet sich durch einen Übergang von der Reduktion des Angebotes zu Sicherheitsüberlegungen aus. Ein Prozess der wachsenden militärischen Einmischung im Rahmen des bewaffneten Konfliktes Kolumbiens charakterisiert diesen Übergang. Diese Situation beeinflusst sogar die Beschlüsse der Besprühungen der Anbaugebiete.

 

Die Besprühungen in Kolumbien und die Politik der Angebotsreduktion (2) Die Luftbesprühungen mit Herbiziden erreichen bestenfalls nur eine zeitliche Behinderung der illegalen Produktion. Sie sollten aber zur Unterbrechung des Rohstoffangebotes für die Produktion von illegalen Substanzen führen. Diese Aktionen schaffen es auf keine Weise, Einfluss auf die Nachfrage von Rohstoff zu nehmen, um psychoaktive Stoffe zu produzieren. Eine der grössten Schwachstellen der Vernichtungsstrategie von illegalen Pflanzungen ist, dass sie überhaupt keinen Einfluss auf das Nachfrageniveau nach den Grundpasten von Kokain und Heroin von Seiten der organisierten Verarbeitungsgruppen haben.

Wenn man den Zeithorizont betrachtet, in denen Zwangsvernichtungen durchgeführt werden, dauert die erfolgreiche Unterbrechung der Belieferung mit Rohstoffen zwischen 4 Monaten und einem Jahr. Das ist der Zeitraum, der notwendig ist, damit sich die besprühten aber nicht abgestorbenen Pflanzungen erholen, oder um neue Anbaugebiete zu schaffen. Somit wird verständlich, warum trotz umfassender Massnahmen der Zwangsvernichtung, wie man sie in Kolumbien vorantreibt, der Erfolg ausgeblieben ist. Ausserdem sind die neuen Pflanzungen fast immer mit Preisanstiegen der Rohstoffe verbunden, was ein Anreiz zum Wiederaufbau der Produktion und der Verarbeitung schafft.

Geht man vom Punkt der Senkung des Angebotes aus, stellt man eine Kosten-Nutzen Analyse mit erhöhtem Defizit fest. Da die strukturellen Mechanismen des illegalen Kreislauf intakt bleiben, scheitert die Anstrengung zur Senkung des Angebotes.

Hier bestätigt sich eine der Erkenntnisse, welche innerhalb der vorangetriebenen Bilanz der „General Accounting Office" im Jahre 1979 abgegeben wurden: die strukturellen Ausmasse des Kampfes gegen die Drogen beinhalten andere Szenarien, als die der illegalen Anbaugebiete. Diese anderen Szenarien wurden unterbewertet. Die Möglichkeit der Quellenländer, auf diese einzuwirken, ist gleich null(3).

Im Fall von Kolumbien ist die Bilanz der Kosten-Nutzen Analyse der Luftbesprühungen, um die illegalen Anbaugebiete zu bekämpfen, äusserst defizitär. In der Zeitspanne von 1992 bis 1998 wurden 2‘438‘336 Liter Glifosat auf nationalem Gebiet in folgendem Verhältnis versprüht:

Grafik Nr.1

Versprühtes Glifosat im Zeitraum 1992 bis 1998 in Kolumbien
Anbau Liter Gallonen
Mohn 540‘979 142‘912
Koka 1'897‘357 501‘228

 

Vom Gesichtspunkt der Kosten der ganzen Operation der Glifosatbesprühungen aus betrachtet, wurden im Zeitraum 1992 bis 1998 insgesamt 53‘211‘497 US Dollar ausgegeben: 24‘483‘783 US Dollar für den Kauf des Herbizids und 28‘727‘714 US Dollar für die Einsatzkosten. Diese Summe wurde ausgegeben, um 19‘472 Hektaren Mohn im Jahre 1992 und ein 1994 auf 46‘400 Hektaren geschätztes Kokagebiet in den Griff zu bekommen.

Beim Versuch, die Mohnpflanzungen von 1992 mit der Hektarenfläche Mohn von 1998 zu vergleichen, ist sich indes keine Antidrogenbehörde über die Grösse dieses Gebietes sicher. Die Kennzeichen der Produktion und die Tarnung durch den gleichzeitigen Anbau von legalen Pflanzen verhindern eine Schätzung der existierenden Anzahl von Hektaren. Die Behören kommen auf eine höchst fragwürdige Berechnung von 6‘100 Hektaren im Jahre 1999.

Im Falle von Koka ist es mit grösserer Genauigkeit möglich, das Ausmass des Scheiterns der Politik festzustellen. Man hat US $ 19‘051‘676 für Glifosat zum Besprühen der Kokafelder im Zeitraum von 1994 bis 1998 ausgegeben. Die Einsatzkosten belaufen sich auf US $ 22‘354‘164, was US $ 41‘405‘840 Gesamtausgaben ergibt. Ausgaben für Flugzeuge, Antidrogenstützpunkte und für die Infrastruktur für Kampfmassnahmen sind nicht eingerechnet, obwohl Daten existieren würden, mit welchen man diese Art der Hilfeleistung berechnen könnte.

Gemäss dem Staats- und Verteidigungsministerium wurden zwischen dem Finanzjahr 1990 und 1998 ungefähr 625 Millionen US $ für Ausrüstungen (hauptsächlich Helikopter und Flugzeuge mit fixen Flügeln, Waffen, Munition, logistische Hilfe und Schulungen) an die Nationalpolizei von Kolumbien und an das kolumbianische Heer geliefert. Am Ende wurde folgendes alarmierendes Ergebnis erzielt: das anfängliche Koka-Anbaugebiet ist um ein dreifaches gewachsen, was bedeutet, dass die schätzungsweise 41,5 Millionen US$ reine Einsatzkosten und ein hoher Prozentsatz der 625 Millionen US$ für militärische Hilfe einer ganzen Dekade sich im Nichts aufgelöst haben, was die angestrebten Ziele betrifft.

Anderere strukturelle Komponenten der Politik der Angebotsreduktion, welche deren wiederholten Misserfolg erklären:

Erstens reproduziert die zwangsweise Ausrottung wie auch der grösste Teil der Antidrogen-Aktionen den Mobilitätsmechanismus, welcher im Falle von Kolumbien in den 70-iger Jahren sichtbar wurde, als man in der Sierra Nevada von Santa Marta Besprühungen von Marihuana vornahm. Durch das Anlegen neuer illegaler Pflanzungen, um die ausgerotteten zu ersetzen, verschob sich das Problem von den tiefen Regionen in die höher liegenden, die einen stretegischen Wert für die Umwelt haben. Das ökologische Gleichgewicht der für den Wasserhaushalt wichtigen Wälder wurde gestört. Grafisch sieht dies folgendermassen aus:

Abholzung des natürlichen Waldes Anbau von Marihuana
 
Abwanderung in die Mittelzonen
die geschützter und schwieriger zum
Kontrollieren sind
Besprühung mit Herbizid
  Dieses Phänomen hat sich während der 25-jährigen Präsenz der illegalen Wirtschaft und der entsprechenden Bekämpfungspolitiken vervielfältigt.

Zweitens: Die Strategie der zwangsweisen Ausrottung hat während der ganzen Geschichte der Besprühungen in Kolumbien keinen langfristigen Einfluss gehabt. Die Dynamik des weltweiten Marktes von psychoaktiven Stoffen reproduziert in Gebieten, wo vorher Ausrottungsaktionen vorgenommen wurden, neue konjunkturelle Einnahmen. So ist es im Falle von Kolumbien mit dem Marihuana und dem Mohn passiert und es ist zu erwarten, dass es auch genau so mit der Koka geschehen wird. Sehen wir uns etwas genauer an, was geschehen wird mit Politik der zwangsweisen Ausrottung illegaler Pflanzungen.

 

1. DER FALL DES MARIHUANAS

Im Prozess der zwangsweisen Ausrottung, dem die existierenden Marihuana-Felder in der Sierra Nevada von Santa Marta, vor allem ab 1983, unterworfen waren, beobachtet man ein ähnliches Verhalten, wie es sich in vielen Zonen des Mohn- und Koka-Anbaus zeigt: die Produktion stieg, obwohl die Besprühung Prozentsätze an ausgerotteten Gebieten in der Grössenordnung von 40% bis 77.6% ausmachten.

Grafik Nr. 2

Jahr Produktion(ha)
(a)
Ausrottung(ha)
(b)
Ausrottung
Produktion(%)
Anstieg
Produktion(%)
Wachstum
der Diff. von
a-b(%)
1982 6'500 857 13.2
1983 9'400 1'048 11,15 46,15 66,6
1984 10'000 4'000 40 6,4 19,53
1985 8'000 6'000 75 -20 33,3
1986 12'500 9'700 77,6 56,25 525
1987 13'085 8'000 61,13 4,7 367,3

  Erst seit 1988 erlebt man in Kolumbien eine Abnahme der Marihuana-Anbaugebiete. Dies erklärt sich mehr wegen des Verlustes der Konkurrenzfähigkeit auf dem internationalen Markt als wegen der Besprühungen. Seit dem Jahr 1989 überholt Mexico Kolumbien, was das Angebot von Cannabis betrifft und vergrössert somit auch das globale Angebotsvolumen des Angebotes von psychoaktiven Stoffen.

Grafik Nr.3

Lateinamerikanische Produktion von Marihuana zwischen 1988 und 1996 (in Tonnen)

Jahr Mexico Kolumbien Jamaika Belize Andere Total
1988 5'655 7'775 405 120 350 17'445
1989 30'200 2'800 190 65 3'500 36'775
1990 19'715 1'500 825 60 3'500 25'600
1991 7'775 1'650 641 49 3'500 13'615
1992 7'795 1'650 641 49 3'500 13'208
1993 6'280 4'125 502 0 3'500 14'407
1994 5'540 4'138 208 0 3'500 13'386
1995 3'650 4'133 206 0 3'500 11'489
1996 3'400 4'133 356 0 3'500 11'389
Quelle: „International Narcotics Control strategy Report, U.S.Department of State"

 

Auch wenn sich in Kolumbien die Abnahme der Marihuana-Anbaugebiete aufgrund der Besprühungen erklären liesse, ist die Unzulänglichkeit der Politik mittelfristig offensichtlich. Um das Jahr 1993 ist ein erneuter Anstieg von Cannabispflanzungen festzustellen, welche die mexikanische Produktion überholen. Diese Verhaltensweise bleibt bis zum Ende des Jahrzehntes bestehen.

Letztlich ist der Aufschwung der Mohnpflanzungen zu Beginn der 90-iger Jahre und die bedeutsame Präsenz von Koka Mitte dieses Jahrzehntes mit grösserem wirtschaftlichen Gewicht verantwortlich, dass die Besprühungen über Koka- und Mohnzonen vorangetrieben werden, während in den 90-iger Jahren für den Fall von Marihuana vermehrt das zufällige Abfangen von Cannabis-Verfrachtungen vorkommt.

 

2. ANMERKUNG ZUM FALL VON SCHLAFMOHN

Zu Beginn der neunziger Jahre haben verschiedene Regierungsinstanzen in Washington wie auch einflussreiche Meinungsmedien der USA schwerwiegende Hinweise der Diversifizierung der Produktion von illegalen Drogen in Kolumbien festgestellt. Diese Diversifizierung ist auf die grosse Nachfrage von Heroin zurückzuführen, die man in den USA am Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre beobachtet. Dazu kommt der Krieg der Drogenhändler gegen den Staat wegen des Auslieferungsstatuts.

In der Tat haben sich die kolumbianischen Drogenhändler in die neue Tendenz des nordamerikanischen Marktes der illegalen Drogen eingeschaltet. Zu Beginn wurde die Präsenz von kolumbianischem Heroin unterbewertet. Dann änderte die Wahrnehmung und die neue Situation wurde als Bedrohung der US-Sicherheit betrachtet. Diese Feststellung nahm in dem Masse dramatische Züge an, wie Berichte über Mohnanbaugebiete in Kolumbien über eine sehr schnell ansteigende Dynamik informierten (siehe Grafik Nr. 4).

Grafik Nr.4

Entwicklung der illegalen Mohnanbau-
gebiete in Kolumbien 1987 – 1998
(nach offiziellen Zahlen
Jahr HA von Mohn
1987
1988
1989
1990 1'500
1991 2'900
1992 19'472
1993 14'167
1994 20'274
1995 6'540
1996 2'100
1997 6'600
1998 6'100
Quelle: Antidrogenpolizei und NIDA

 

„Nicht identifizierte Gruppen beherrschen den kolumbianischen Heroinhandel. Trotzdem zeigen gewisse Offenkundigkeiten Verknüpfungen mit den wichtigsten Gruppen von Cali und Medellin...... Hinweise zeigen, dass die Proportion des kolumbianischen Heroins sich sehr schnell und in kurzer Zeit vermehren wird....."(4)

Die Regierung Gaviria (1990-1994) begann ihre Antidrogenpolitik als integralen Teil ihrer Strategie der Gewaltüberwindung zu verstehen. Der nationale Rauschgiftrat, welcher die oberste Antidrogeninstanz ist, deutete im öffentlichen Schreiben auf folgendes hin:

„Der Schlafmohn hat begonnen, sich auf dem nationalen Territorium markant auszubreiten. Er stellt eine potentielle und wachsende Gefahr für die öffentliche Ordnung des Landes dar, indem er eine zusätzliche Quelle der Gewalt bildet und schädlich auf die wirtschaftliche Entwicklung einwirkt. Man darf nicht vergessen, dass die Mohnderivate – Opium, Morfin und Heroin – Rauschgifte von grosser Gefahr für die Konsumenten sind" .(5)

Diese hohe Kriminalisierung von Mohn führte dazu, dass jedwelches in Gang bringen von Programmen der Alternativentwicklung in den Produktionszonen zu Beginn negiert wurde. Das Aufkommen des Mohnphänomens wurde exklusiv mit den Organisationen des Drogenhandels in Verbindung gebracht. Ausgeschlossen blieben die Kausalitätsbeziehungen, welche sich in der schwerwiegenden Krise des Landwirtschaftssektors äusserten: Krise der Kleinbauernwirtschaft, Krise des Kaffeesektores, Fehlen von Politiken der Regierung zur Verbesserung der Landwirtschaft .(6)

Deswegen kam es dazu, die Mohnproduktion als Ursache des Heroinhandels darzustellen und die Pflanzer der andinen Region als Kriminelle zu identifizieren .(7)

Einzig der Indígenagemeinschaft des Cauca wurde die Ursächlichkeit zwischen Armut, Marginalität und dem Aufschwung der Anpflanzungen in Gebieten dieser Gemeinschaften zuerkannt.

Trotzdem führte dies zu keinem Wandel in der Wahrnehmung des Phänomens der Mohnproduktion. Präsident Gaviria übernahm mit Vehemenz die Empfehlungen von Washington und diese führen dazu, das Problem der Rohstoffproduktion auf undifferenzierte Art und Weise anzugehen. Die Produktionszonen wurden nicht entsprechend differenziert betrachtet in der Ausarbeitung der Strategie zur Gewaltüberwindung. Mit Bildern der Kriminalisierung des Phänomens wurden die sozialen Gründe in Bezug der illegalen Wirtschaft in der andinen Zone total ausradiert.

In diesem Sinne ist der Besprühungsentscheid vom Januar 1992 sozusagen eine Kriegserklärung an die Produzentengemeinschaften.

Der Feind wurde symbolisch überhöht, die Argumente polarisierten sich und es kam zu einer Stigmatisierung aller dissidenten Stimmen gegenüber den Strategien, mit welchen das Problem angegangen wurde.

In diesem Kontext wurden auch zaghafte Versuche, eine technische Abstufung in der Verwendung von Ausrottungsmethoden aus sozialen und ökologischen Gründen in Betracht zu ziehen, zugunsten der Besprühung mit Glifosat vom Tisch gewischt.

Mit dem Start der Ausrottungsoperationen beginnt man auch zivile Flughäfen für die Installation von Antidrogenstützpunkten zu gebrauchen. So in Neiva, Popayán und Chaparral .(8)

 

Soziale Auswirkungen: die Vertreibung der Bevölkerung

Die Antidrogenpolizei braucht als Erfolgsnachweis der Besprühung von Schlafmohn einen speziellen Indikator: die zerstörten Kulturen werden direkt in Geldbeträge umgerechnet und dann als finanzielle Mittel betrachtet, welche der Guerilla verloren gehen. Das heisst, die forcierte Zerstörung der illegalen Kulturen wird immer mehr als Erfolg gegen die Aufständischen ausgewiesen. Der Direktor der Antidrogenpolizei, General Rosso José Serano, drückte sich im April 1992 wie folgt aus:

"Bis anhin sind 1’040 Hektaren Kulturen besprüht worden, was bedeutet, dass die Guerillagruppen, welche in dieser Region des Landes operieren, als Folge davon mehr als fünf Millarden Pesos weniger einnahmen." (9)

Ein weiteres Ziel der Aktionen war, die Bauern zu vertreiben. In den Worten des Generals ausgedrückt:

"Die Bestrebung der Polizei ist es, die Siedler, welche illegale Kulturen anbauen, so zu zermürben, dass sie sich - nachdem ihre Saat zerstört worden ist - gezwungen sehen, an ihre Herkunftsorte zurückzukehren und sich dort legalen Aktivitäten zuzuwenden." (10)

Die soziale Antwort deckte sich nicht mit den Absichten der Antidrogenbehörde. (11) Diese stellte bezüglich der hervorgerufenen demographischen Veränderungen fest:

"Nach den Besprühungen hier im Huila gingen zwar die Leute an Ihre Herkunftsorte zurück, aber andere sind eingetroffen." (12)

Somit begann sich im Falle des Schlafmohns, ein Effekt zu reproduzieren, der bereits bei den Besprühungen in der Sierra Nevada de Santa Marta zu Zeiten des Marihuana-Anbaus beobachtet worden war. Jedoch ist die Situation heute viel komplexer und spielt sich in einem viel grösseren Raum ab. Der Verdrängungseffekt in der Sierra Nevada de Santa Marta hatte einen direkten negativen Einfluss auf das Umweltsystem der hochandinen Wälder dieser Zone. Durch die Abholzung zwecks Anbau neuer Schlafmohnkulturen erlitten die Quellen und ganz allgemein die komplexen Ökosysteme der hochgelegenen andinen Zonen Schaden.

Dazu beigetragen hat die Irrationalität einer Antidrogenstrategie, die paradoxerweise die schädliche Auswirkung der illegalen Kulturen auf die Umwelt als zentrales Argument einsetzt. Doch mit ihren Kraftakten verschlimmern die Antidrogenbehörden diese Auswirkungen zusätzlich, sind sich aber dessen nicht bewusst. Sie wissen sträflich wenig über die Auswirkungen ihrer Politik. (13)

 

Das Fehlen glaubwürdiger Zahlen über die Produktion von Schlafmohn in Kolumbien

 

Eine der Hauptschwierigkeiten, die Auswirkungen der Besprühungen zu bilanzieren, besteht darin, dass seriöse, konsistente und damit glaubwürdige Statistiken über die Anzahl Hektaren fehlen, so dass keine kurz- und langfristige Dynamik des Schlafmohnanbaus erstellt werden kann. Im folgenden sind die Hauptschwierigkeiten für eine seriöse Datenerfassung aufgeführt:

  1. Die Politik der Zerstörung ist verantwortlich dafür, dass es keine verlässlichen Statistiken über illegale Kulturen gibt. Eine verlässliche Statistik muss berücksichtigen,
    • dass die bereits besprühten, aber nicht gänzlich zerstörten Felder wieder zum Produzieren gebracht werden, und dies unter entsprechend intensiverem Einsatz von Dünger,
    • dass in vorhergehend besprühten Gegenden wieder ausgesät wird,
    • dass der Schlafmohn zusammen mit anderen legalen Pflanzen angebaut wird, dass die Pflanzer Sicherheitsvorkehrungen gegenüber der Präsenz von Fremden treffen und (14)
    • dass das Verschieben der Anbaufelder einer der häufigsten Mechanismen darstellt.
  2. Da das Verhalten der Dynamik, die die illegalen Pflanzungen gegenüber der Aktionen erzwungener Ausrottung als unabhängige Variable an den Tag legt, nicht anerkannt wurde, ergab sich eine Situation der Leere in der Konsistenz der Zahlen.

Beispielsweise rechnete man 1994 mit 20’274 Hektaren Schlafmohn. Dies war die bis anhin grösste Zahl in der Geschichte Kolumbiens. Im folgenden Jahr, nachdem 5’105 Hektaren zerstört worden waren, ergab die Rechnung einen Restbestand von 6’540 Hektaren. Das heisst theoretisch wurde der Anbau um 13’734 Hektaren reduziert. Es wurden aber nur 5’105 Hektaren besprüht. Der Restbetrag von 7’194 Hektaren wurde als nicht besprüht ausgewiesen. Und: in dieser Berechnung wird angenommen, dass keiner der Bauern seine besprühten Felder erneut angebaut hätte, was schlicht unvorstellbar ist. Es bleibt also die Frage: Wie ist es möglich, dass von einem Jahr zum nächsten 7’194 Hektaren mehr verschwinden als besprüht worden sind?

Wo ist der Fehler zu suchen? Bei der Anzahl Hektaren, welche als Grundgesamtheit angenommen wurde? Bei den Angaben über die besprühten Flächen? Dies ist eher unmöglich, da das Interesse besteht, jährlich eine maximale Zerstörungskapazität aufweisen zu können und daher das Verschleiern grösserer Zahlen unlogisch erscheint.

Tabelle 5

Jahr Hekt.Nr. Ausrott.
manuell
Ausrott
aus Luft
Total
Ausrottung
1990 1'500      
1991 2'900,0 1'497,0   1'497,0/td>
1992 19'472,0 2'583,0 8'382,0 10'965,0
1993 14'167,0 1'592,0 8'179,0 9'771,0
1994 20'274,0 1'777,0 3'328,0 5'105,0
1995 6'540,0 1'607,5 3'466,0 5'073,5
1996 2'100,0 527,9 7'421,0 7'948,9
1997 6'600,0 19,0 6'331,4 6'350,4
1998 6'100,0 2'658,8 2'658,8
Quelle: Antidrogenbehörden

 

Eine zweites Fragezeichen muss man bei den Berechnungen für das Jahr 1996 anbringen. Diese gehen von einem Gesamtbestand von 2’100 Hektaren Schlafmohn aus. Bei einer im gleichen Jahr vorgenommenen Besprühung von 7’421 Hektaren (siehe Tabelle Nr. 5 sowie Grafik Nr. 1). Es wurde also eine Fläche besprüht, die drei Mal grösser ist als der Gesamtbestand dieses Jahres. Abermals: Liegt ein Berechnungsfehler der Gesamtfläche oder der Besprühungsfläche vor? Zeugen die Zahlen von einer rasanten Zunahme der Anbaufläche einerseits und andererseits von einer ungeheuren Fähigkeit seitens der Behörden, diese neuen Flächen sofort aufzuspüren und zu zerstören? Dieses Argument ist schlicht nicht glaubwürdig.

Grafik Nr.1

Schenken wir schliesslich unsere Aufmerksamkeit einem dritten, sich wiederholenden Fehlertyp, welcher die Unwirklichkeit der vorhandenen Berechnungen veranschaulicht. Historisch und vor allem bei seinem Aufkommen war der Schlafmohn hauptsächlich in den Departementen Huila, Tolima, Cauca und in der Serranía der Perijá, im Departement César, anzutreffen. Aufgrund der auf diese vier Gegenden konzentrierten Besprühungen konnte ein zu erwartender Zuwachs des Phänomens in neuen - statistisch unter "andere" fallende - Regionen beobachtet werden. (siehe Tabelle Nr. 6).

Tabelle 6

Jahr Huila Tolima Serrania
Del Perija
Cauca Andere Total
1990 450 525 150 225 150 1'500
1991 870 1'015 290 435 290 2'900
1992 5'527 5'965 55 3'600 4'325 19'472
1993 4'184 4'553 105 1'788 3'537 14'167
1994 5'823 5'159 105 4'784 4'403 20'274
1995 615 4'335 585 705 (*)300 6'540
1996 200 1'300 350 250 (*) 2'100
1997 200 1'300 450 150 4'500 6'600
Quelle: Antidrogenbehörden

In Folge der Konzentration der Besprühungen auf diese vier Departemente im Jahre 1995, wurde für die Gruppe "andere" ein Rückgang von 300 Hektaren Schlafmohn berechnet, dies nachdem für die gleiche Gruppe und 1994 eine Zahl von mehr als 4’000 Hektaren Schlafmohn berechnet worden war. Und 1997 erscheint dann die Gruppe "andere" wieder mit mehr als 4’000 Hektaren. Die Situation verdünnter Zahlen ist Teil der begangenen Fehler der aktuellen Politik gegen den Schlafmohn.

 

3. DER FALL DER KOKAPFLANZE

Im Kokaszenario der Andenregion kann von einem stabilen Verhalten auf globalem Niveau gesprochen werden, trotz der offensichtlichen Reduzierungserfolge in einem oder einigen Ländern der Gegend. Beobachtet man die Zahlenreihen von 1992 bis 1998, basierend auf den Schätzungen des US-Staatsdepartements, zeigt sich die folgende Situation:

Tabelle 7
Kokafläche in der Andenregion

Jahr Bolivia    Peru      Colombia    Globalfläche %gegenüber Vorjahr
1992 45'500 129'200 41'206 215'906 d.b.
1993 47'200 108'800 49'787 205'787 -4,7
1994 48'100 108'600 46'400 203'100 -1,3
1995 48'600 115'300 53'200 217'100 +6,9
1996 47'000 95'000 69'200 211'200 -2,7
1997 46'000 68'800 79'100 193'900 -8,0
1998 38'000 51'000 101'800 190'800 -1,8
Quelle: Staatsdepartement und Antidrogenpolizei Kolumbiens

Betrachtet man die sieben, in der Tabelle aufgeführten Jahre mit Rücksicht auf die offiziellen Zahlen bezüglich der Grösse der kultivierten Flächen (welche notorisch unterschätzt wird) kann eine relative Stabilisierung der Gesamtproduktionsflächen oder höchstens ein unscheinbarer Rückgang ohne Auswirkungen auf das regionale Produktionspotential ausgemacht werden.

Nimmt man als Basis den Zusammenhang mit dem Ertrag pro Hektare, kann man im regionalen Kontext eine Produktivitätssteigerung erkennen; dies bei einer Produktion von 293’700 Tonnen Kokablätter im Jahr 1988 gegenüber 303’600 Tonnen 1996. Diese Tendenz hielt auch die darauf folgenden Jahre an. Dazu die folgende Tabelle:

Tabelle 8

Jahr Bolivia Peru Colombia Ecuador Total
1988 78'400 187'700 27'200 400 293'700
1989 77'600 186'300 33'900 270 298'070
1990 77'000 196'900 32'100 170 306'170
1991 78'000 222'700 30'000 40 330'740
1992 80'300 155'500 29'600 100 265'500
1993 84'400 155'500 31'700 100 271'700
1994 89'800 165'300 35'800 - 290'900
1995 85'000 183'600 40'800 - 309'400
1996 75'100 174'700 53'800 - 303'600
Quelle: International Narcotics Control Strategy Report, U.S. Department of State 1997

Dabei zeigt sich, dass die Zerstörung einer bestimmten Anzahl Hektaren gleichzeitig durch erhöhte Produktivität kompensiert wird, welche zu langsamer aber stetiger Zunahme tendiert. Betrachtet man die Andenregion, so ist die Kompensation im Falle Kolumbiens zwischen 1992 und 1996 gegenüber des regionalen Produktionspotentials geradezu notorisch. Das regionale Produktionspotential weist aufgrund der Abnahme der peruanischen Anbauflächen von Kokablättern einen seit 1992 anhaltenden konjunkturbedingten Rückgang auf. (15)

Dieses "Ablösungsphänomen" intensiviert sich zwischen 1995 und 1999, was noch eindrücklicher erscheint, wenn man bedenkt, dass Kolumbien das Land ist, welches in den neunziger Jahren die aggressivsten Zerstörungsaktionen über sich ergehen lassen musste.

In diesem Sinn verhielt sich die Zwangszerstörung in Kolumbien als unabhängige Variabel, welche die Zunahme neuer Kokaflächen keineswegs beeinflusst. (16)

Was die Kokapflanze betrifft, nahm deren zwangsmässige Zerstörung ab 1995 ein ungewöhnlich hohes Ausmass an. Nachdem bis Mitte 1994 einige wenige Probebesprühungen in der kolumbianischen Amazonasregion durchgeführt worden waren. Trotz Besprühungsraten zwischen 33.3% und 52.8% der existierenden Gesamtflächen, hat die Zerstörung nie die stetige Zunahme der Anbaufläche während der Jahre 1992 - 1998 unterbrechen können. Diese Fläche war 1998 zweieinhalb Mal grösser als die von Anfang 1992.

Tabelle 9
Kokafläche in Kolumbien versus ausgerottete Fläche 1992-1998

Jahr Fläche Ausgerottete Fläche Ausgerottete % der Fläche
1992 41'206 944 2,3
1993 49'787 846 1,7
1994 46'400 1'420 3,0
1995 53'200 25'402 47,7
1996 69'200 23'025 33,3
1997 79'100 41'797 52,8
1998 101'800 49'527 48,7
Quelle: Antidrogenpolizei

Grafik 2
Koka-Anbauflächen in Kolumbien und vernichtete Gebiete zwischen 1992 und 1998

1992 steuert Kolumbien einen bescheidenen Beitrag von 19.08% an der Gesamtfläche der Koka-Produktion im andinen Raum bei. Bis 1998 steigt diese Ziffer auf 53.53%. Der kolumbianische Beitrag zur Koka-Produktion nimmt genau dann stärker zu, nämlich 1995, als man beschliesst, die Koka-Kulturen des Amazonas zu besprühen.

Schaubild Nr 10

Jahr Bolivia Peru Colombia
1992 21,07 52,87 19,08
1993 22.93 52,87 24,19
1994 23,68 53,47 22,84
1995 23,92 53,10 24,50
1996 24,23 45,00 32,76
1997 23,72 35,48 40,80
1998 19,91 26,72 53,35
Quelle: Erarbeitet mit Daten des Staatsdepartements und der kolumbianischen Antidrogenpolizei

Graphisch sieht diese Verteilung wie folgt aus

Grafik 3
Produktionsbeitrag nach Land, gemessen an der totalen Fläche der in den Anden angebauten Koka-Kulturen zwischen 1992 und 1998

Bilanz der Strategie der flächenmässigen Verminderung der Koka-Kulturen

Mit den Besprühungen der Koka-Kulturen wurde offiziell am 11. Februar 1994 begonnen. Unter der Administration Samper, die von August 1994 bis 1998 dauerte, wurden diese dann sogar intensiviert. Das angestrebte Ziel der Antidrogenbehörde, die illegalen Anbauflächen innerhalb von zwei Jahren total zu vernichten, kann man aber trotzdem als völligen Misserfolg bezeichnen. Dies lässt sich anhand von zwei aussagekräftigen Indikatoren zeigen:

  • Die bestehenden Flächen betrugen zu Beginn der Besprühungs-Offensive im Jahr 1994 rund 45‘000 Hektaren. Zwischen 1994 und 1998 wurden rund 140‘000 Hektaren besprüht, also drei Mal mehr als die Anzahl bestehender Flächen 1994. Das bedeutet, dass die Besprühungen:
    • keine abschreckende Wirkung auf die Koka-Produzenten haben und dass sie Vertreibungsprozesse auslösen, die wie folgt aussehen:
      1. Die illegalen Kulturen werden in neuen Produktionsnischen in noch unberührten Gebieten angebaut oder
      2. sie werden in den bestehenden, nicht entdeckten und deshalb nicht besprühten Produktionsgebieten solange weiter betrieben, bis auch diese entdeckt und besprüht werden, so dass dann auch diese Kulturen in neuen Gebieten angebaut werden.
  • Die Antidrogenbehörden Kolumbiens rechnen beim Einsatz von Herbiziden mit einer durchschnittlichen Vernichtungsziffer von 85% bei Koka- und 92.5% bei Schlafmohnkulturen. Wenn also 85% der Koka-Kulturen im Guaviare und Caquetá zerstört wurden, dann müsste die Fläche der illegalen Kulturen im Guaviare auf 3'945 ha und im Caquetá auf 1'755 ha gesunken sein (siehe dazu Schaubild Nr. 11 und Grafik Nr. 4).

Schaubild Nr 11
Gegenüberstellung der Fläche der Koka-Kulturen zu Beginn der Besprühungen 1994 und der besprühten Fläche im Zeitraum von 1994 bis 1998, nach Departementen und Hektaren.

Departement Fläche 1994 Besprühte Fläche 1994-1998
Guaviare 26'300  95'362
Meta 900* 16'451
Caqueta 11'700 23'993
Putumayo 5'000 3'311
Vichada 400* 432
Vaupés 1'250* 349
Antioquia 0 960
Total 45'550 140'858
Quelle: Antidrogenbehörden
*Daten von Ende 1993

Diese Verringerung ist aber nicht eingetreten, im Gegenteil: Die ursprüngliche Fläche hat sich signifikant vergrössert. Im Guaviare, zum Beispiel, hat sich die Anzahl Hektaren von 26'300 im Jahr 1994 um 56'250 auf 78‘550 im Jahr 1998 erhöht. Dieses Flächenwachstum der Koka-Kulturen lässt sich also allein aus der Tatsache ableiten, dass man im Guaviare - aber auch auf nationaler Ebene - eine Fläche besprühte, die um ein Vielfaches (Faktor 2 bis 3) grösser war als die ursprüngliche Fläche von 1994.

Grafik Nr.4
Gegenüberstellung der Fläche der Koka-Kulturen zu Beginn der Besprühungen 1994 und der besprühten Fläche im Zeitraum von 1994 bis 1998, nach Departementen und in Hektaren.

Vergleicht man die ursprüngliche Fläche, die besprühte Fläche und das Endresultat der vorhandenen Koka-Flächen, so erkennt man, dass diese Politik klar gescheitert ist. Man siehe dazu insbesondere Schaubild 12 und Grafik 5.

Schaubild Nr 12
Gegenüberstellung der Fläche (ha) der Koka-Kulturen zu Beginn der Besprühungen 1994 und der besprühten Fläche (ha) im Zeitraum von 1994 bis 1998 in Kolumbien.

Fläche 1994 Besprühte Fläche 1994-1998 Fläche 1998
45'550 140'858 101'200

Die ursprüngliche Fläche der Koka-Felder wuchs seit 1994 um 222%. Dieses Wachstum erscheint um so grösser, wenn man beachtet, dass die Anzahl Flächen, die im Zeitraum von 1994 bis 1998 besprüht wurden, um 309% zunahmen. Dies zeigt den hohen Autonomiegrad des Wachstums der Koka-Flächen gegenüber den radikalen Mitteln der Ausrottung.

Grafik Nr.5
Verhältnis der Fläche der vorhandenen Koka-Kulturen um 1994 und der besprühten Flächewn im Zeitraum von 1994-1998 in Kolumbien

Washington hält aber dennoch eine Erklärung des Misserfolges bereit: die Unwirksamkeit des Glifosates, die sich in der ziemlich tiefen Mortalitätsrate der Koka-Sträucher auszudrücken scheint. Tatsächlich weisen die Zahlen der Antidrogenbehörde in der Zeitspanne von 1996 bis 1998 nur eine Vernichtungs-Wirksamkeit von 27.58% aus. Das folgende Schaubild zeigt:

Schaubild Nr 13
Flächen, Besprühungen und effektive Vernichtung der Koka-Pflanze in Kolumbien, im Zeitraum von 1996-1998 (gemäss der US-Antidrogenbehörden)

Jahr Anzahl Hektaren Besprühte Fläche Tatsächlich abgestorben % des Besprühten
1996 67'200 16'053 2'500 15,57
1997 79'500 41'451 19'265 46,47
1998 101'800 65'930 13'650 20.70
Quelle für die Erarbeitung: U.S.Regierungsdaten

Dieses Schaubild bestätigt laut den US-Antidrogenbehörden die Unwirksamkeit des Herbizids. Doch es enthält vielmehr die Erklärung des Misserfolges der Koka-Bekämpfung. Auch wenn man den angegebenen Zerstörungsraten Glauben schenkt, so leuchtet es nicht ein, dass wenn 1997 eine Zerstörungsrate von 46.7% erreicht wurde, die Fläche nicht auf rund 60'000 ha(17) geschrumpft ist, sondern sich auf 101‘800 vergrössert hat.

Diese Vergrösserung der Fläche entspricht einer Erhöhung um 70% der für 1998 angenommenen Fläche. Dies zeigt, dass nicht (allein) die Unwirksamkeit des Glifosates für den Misserfolg bei der Zerstörung der Koka-Kulturen verantwortlich gemacht werden kann. Es sind vielmehr die starke Einbindung in den illegalen, internationalen Drogenmarkt sowie interne (Agrarkrise, bewaffneter Konflikt) und externe (US-Drogenpolitik) Einflussfaktoren, die die Kontinuität der Anbauflächen erklären.

Washington verschliesst sich - entgegen jeglicher Logik – dieser Tatsachen. Die US-Antidrogenbehörden fordern nicht nur eine schärfere Besprühung der Koka-Gebiete, sondern auch eine bessere Koordination der kombinierten Aktionen von kolumbianischen Polizei- und Militärorganen sowie eine vermehrte Zusammenarbeit mit den US-Militärberatern.

Ökologische Nebenwirkungen der Besprühungen

Zusätzlich zum dargestellten Misserfolg beim Versuch der Verringerung der mit illegalen Kulturen angebauten Flächen hat diese Politik der Stärke (mittels Besprühungen) gegen die Produktion von Kokasträuchern, Schlafmohn und Marihuana Nebenwirkungen, deren volles Ausmass noch nicht bestimmt werden kann, da die Grundlagenforschung zur quantitativen und qualitativen Inventarisierung der natürlichen Ressourcen von Kolumbien(18) noch nicht abgeschlossen ist.

Was man ebenfalls nur erahnen kann, sind die hohen Umweltkosten, die durch den Anbau (Roden von Primärwald), die Instandhaltung der illegalen Kulturen (chemische Dünge- und Pflanzenschutzmittel) sowie die Verarbeitung der Kokablätter (durch Zement, Benzin, Harn- und Schwefelsäure) entstehen.

Man könnte die Kokawirtschaft als direkten Verursacher dieser Kosten betrachten. Aber dies würde zu kurz greifen, denn die Politik der Stärke trägt durch die von ihr ausgelösten Vertreibungen der Koka-Bauern ihren Teil dazu bei. Für jede Hektare Koka, die neu angebaut wird, roden die Bauern eineinhalb bis zwei Hektaren Wald! Das heisst, dass allein 1998 152'000 bis 203'000 Hektaren Wald der Brandrodung zum Opfer gefallen sind!(19)

Es ist also gänzlich vermessen zu behaupten, dass die Politik der Stärke ein Mittel gegen die schädlichen Auswirkungen der Koka-Wirtschaft sei und damit zum Umweltschutz beitrage. Die Besprühung der Kulturen mit Chemikalien verschlimmert sowohl direkt als auch indirekt die Umweltsituation.

In diesem Sinn kann man folgendes festhalten:

Im Namen der nationalen Sicherheit wurden Informationen über die Besprühungen zu Lasten der Anliegen des Umweltschutzes und des Schutzes der Gesundheit der Menschen verschleiert.

  • Zwischen 1978 und 1984 wurden in Kolumbien mit dem Herbizid Paraquat illegal Besprühungen von Marihuana Feldern durchgeführt.
  • Die Dosierungsvorgaben des Glifosates wurden krass verletzt. Nach verschiedenen Versuchen wurden zur Zerstörung von Marihuana und Schlafmohn ursprünglich 2,5 l/ha des wirksamen Zusatzes Glifosat gesprüht. Zur Koka-Bekämpfung wurden ab 1993, ohne dies technisch zu begründen, eine Menge von 10,41 l/ha angewendet. Heute sind es sogar 13,47 l/ha!

Vergleicht man diese Mengen mit der Gebrauchsanweisung von Roundup (siehe Schaubild Nr. 14), so stellt man fest, dass die besprühte Dosis die vom Hersteller empfohlene übertrifft.

Schaubild Nr 14 Empfohlene Mengen des legalen Gebrauches von Roundup bei verschiedenen Anwendungen(20)

Dosis(in Litern/Ha.) Verwendungszweck
2-3 Einjähriges Unkraut
4-6 Mehrjähriges Unkraut
1.5 Um den Gehalt an Saccharose zu erhöhen
1 Zum Austrocknen der Hirse

Da das Scheitern der Besprühungsaktionen in Kolumbien mit der Unwirksamkeit des Glifosates erklärt wird, fordern verschiedene Antidrogen-Instanzen Washingtons einen Wechsel des angewendeten Herbizides. Sie möchten Granulate(21) (Imazapyr, Tebutiuron, Hexazinon) einsetzen.

Ein Bericht, der von verschiedenen staatlichen Stellen Kolumbiens verfasst wurde, die direkt oder indirekt mit Umweltschutz zu tun haben, unterstrich die grosse Gefahr für das Land, wenn Kolumbien auf die Forderungen der USA, Herbizide wie Tebutiuron(22) einzusetzen, eintreten würde.

Betrachten wir einige der wichtigsten Aspekte des Berichtes:

  • Die hohe Persistenz des Tebutiurons(23) kann in den „behandelten" Ökosystemen Bodenunfruchtbarkeit verursachen, die Wiederherstellung der Vegetation während einer längeren Periode verhindern sowie Erosions- und Desertifikationsprozesse fördern.(24)
  • Die Nicht-Selektivität des Tebutiurons beeinflusst die erste trophische Stufe, die aus Vegetation (Autotrophen) besteht. Diese ist in verschiedenem Umfang mit verschiedenen Stufen der terrestrischen und aquatischen Ökosysteme verbunden, so dass der Tod oder die Veränderung der Artenzusammensetzung in der ersten Stufe eine Verringerung der Nährstoffangebotes sowie eine Veränderung der Nischen und Habitate verursachen.
  • Die hohe Mobilität des Tebutiurons erhöht die Fläche seiner Wirksamkeit. Es kann durch den Oberflächenabfluss in stehende und fliessende Gewässer transportiert werden oder durch Auswaschung ins Grundwasser gelangen. Gerade beim Grundwasser droht eine grosse Gefahr, zumal man noch nicht weiss, wo sich die grossen Grundwasseradern befinden und wie verletzlich sie sind.(25)
Zieht man die bodenkundlichen Charakteristika des Amazonas und die Niederschlagsmengen dieser Zone (40 mm – 50 mm in einem einzigen Ereignis) in Betracht, so erkennt man, dass diese intensiven Niederschläge die Infiltrationskapazität der Böden übersteigen. So bildet sich ein Oberflächenabfluss, der die Herbizide in die Oberflächengewässer anderer Gebiete ausschwemmt, was dann Schäden bei terrestrischen und aquatischen Pflanzen zur Folge hat.

Trotz der argumentativen Stärke des Berichtes, der auch andere Chemikalien wie das Imazapyr behandelt, hat die Defensoría del Pueblo am 29. und 30. Juli 1998 vier Proben von Substanzen genommen, die in Puerto Guzmán, im Departement Putumayo, mittels Flugzeugen versprüht wurden. Diese Proben wurden am 3. August im Labor der Fakultät für Umweltnaturwissenschaften der Universität der Anden(26) untersucht.

Im Bericht vom 29. Oktober 1998 zeigt sich, dass in den Proben das Herbizid Imazapyr(27) vorhanden ist. Dies verstösst eindeutig gegen die Umwelt-, Gesundheits- und Rechtsnormen bezüglich des Gebrauches von Herbiziden. Unter den gegebenen Umständen lässt es sich keinesfalls rechtfertigen, dass die Antidrogenbehörden ein solch gefährliches Experiment durchführen.

Wie die Defensoría del Pueblo in ihrem Bericht festhält, sind während der Besprühungen mit Imazapyr: „... grosse Teile natürlicher Vegetation in der Nähe der kolonisierten Zonen zerstört worden. In der nähren Umgebung der Vereda Santa Rosa, bei der Laguna del Quemado, wurden Ende Juli 1998 Hunderte Hektaren natürlichen Waldes vernichtet. Dieses Lagunen–Ökosystem ist sehr einzigartig, da es als Laich- und Reproduktionsort von Fischen, Refugium und ökologische Nische von Vögeln, Säugetieren und anderen heute selten gewordenen Tiergruppen, die am Rande der Zuflüsse des Río Putumayo leben, dient. Man konnte beweisen, dass mehrere Kilometer um diese Lagune herum keine einzige illegale Kultur existiert."(28)

Die voranschreitende Besprühung mit Glifosat im Departement Caquetá, im Gebiet des mittleren und tieferen Caguán, zwischen April und November 1998 beeinflusste die Kautschuk-, Kakao-, Früchte-, Yuka-, und Bananenplantagen sowie die Weiden, Quellen, Lagunen und Feuchtgebiete massiv. Diese Gebiete waren oder sind für die Umsetzung eines der wenigen Programme der alternativen Entwicklung, das von der Lokalbevölkerung unter der Führung der Kirchgemeinde San Isidro von Remolino del Caguán durchgeführt wird, äusserst wichtig.

Besprühungen und Schäden an den Indígena Gemeinschaften des Amazonas

Die diskriminierende Art des Antidrogenkrieges bedrängt auch andere schwache soziale Gruppen, wie etwa die Indígena Gemeinschaften. Heute wird auf das Reservat Natural Nukak im Herzen des kolumbianischen Amazonas unaufhaltbar Druck ausgeübt. Auslöser des dynamischen Wanderungsprozesses ist einerseits die staatliche Politik der Stärke und andererseits die durch Aufrüstungsprozesse der Kriegsparteien bedingte Abhängigkeit der bewaffneten, illegalen Akteure vom Geld der Koka-Wirtschaft.

Heute stellt man fest, dass die Koka-Kulturen gewaltsam in das Nukak Reservat eindringen. Dieser Prozess begann in der ganzen nördlichen und westlichen Zone des Reservates (ausgelöst durch das Besprühen von Kulturen an den Flussufern des Inírida, Tomachipán, El Capricho, Sabanas de la Fuga, etc. im Departement Guaviare). Im Süden des Landes, in Miraflores (Guaviare), wurden durch das (durch Besprühen erzwungene) Umsiedeln von Koka-Kulturen in die Gemeinschaften des Vaupés ebenfalls intensive Konflikte ausgelöst.

Diese Departemente im Einzugsgebiet von Orinoco und Amazonas, wie Vaupés (mit einem Anteil von 45,2% indigener Bevölkerung), Vichada (89% Indígenas, acht ethnische Gruppen, verteilt in 41 Reservaten, die 34,6% der Fläche des Departements beanspruchen) und Guanía (mit 50% indigener Bevölkerung, in 18 Reservaten lebend) haben – aus der Sicht von den Akteuren des bewaffneten Konfliktes und des Drogenhandels - geopolitische Bedeutung erlangt. Es gibt keinerlei Vorschläge, wie diese Ethnien vor der Ausdehung des bewaffneten Konfliktes und des Drogenanbaus und –handels geschützt werden können.(29)

Antidrogenpolitik und Entzug der Staatslegitimation

Die institutionelle Schwäche und das Chaos in der Antidrogen-Politik (vor allem im Zusammenhang mit den Besprühungen) beeinträchtigt die kolumbianische Staatsstruktur. Dies wirkt sich dramatisch aus: Die zunehmende Vernichtung der illegalen Kulturen entzieht dem Staat die Legitimation und verhindert somit, die demokratischen Institutionen des Landes zu stärken. Diese Situation lässt sich anhand von verschiedenen Tatsachen und Schauplätzen erläutern:

Institutionelle Verfahren

Der kolumbianische Staat ist nachgiebig und tolerant gewesen. Er hat oft ohne klare Spielregeln gegenüber der Gesellschaft gehandelt, dies insbesondere auch in der Frage der externen (nordamerikanischen) Einmischung rund um die Vernichtung der illegalen Kulturen. Der illegale Einsatz von Paraquat Mitte der 70er Jahre und in Folge die illegalen und gefährlichen Feldversuche mit verschiedenen Substituten von Glifosat verletzt die staatliche Legitimation, denn der Staat handelt hinter dem Rücken der Gesellschaft und verliert durch das Nachgeben gegenüber den USA in der Drogenpolitik seine Autonomie.

Dem kolumbianischen Staat fehlen klare Verfahren, welche die zivilen, wirtschaftlichen und ökologischen Rechte der Bevölkerung schützen. Diese werden auf die eine oder andere Weise durch den mehrmaligen Einsatz von Glifosat - unabhängig seiner chemischen Gefährlichkeit – beeinträchtigt. Die willkürlichen Praktiken setzen sich durch, dies unabhängig von denjenigen Stimmen, die vom Staat – mit oder ohne Rechtfertigung – eine gesetzeskonforme Antwort erwarten.

Besprühungen und Alternative Entwicklung

Da diese Politik der Ausrottung inmitten der Bürgerkriegszone stattfindet, werden die technischen Empfehlungen zum Gebrauch von Glifosat nicht eingehalten. Die Antidrogen-Flugzeuge fliegen nur in Höhen von über 10 Metern, um die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Angriffes durch die Guerilla zu senken. Doch damit steigt das Risiko einer verheerenden Einwirkung auf die Primär- und Sekundärwälder, auf die Quellgebiete, auf die restlichen Einzugsgebiete des Amazonas und nicht zuletzt auf die Zivilbevölkerung und auf die Projekte der alternativen Entwicklung, die sich ja auch in diesen Gebieten der Koka- und Schlafmohnwirtschaft befinden.

Da ihre Koka- und Schlafmohnkulturen illegal sind und die durch die Besprühungen ausgelösten Schäden nicht bestraft werden, beschweren sich die von den Besprühungen betroffenen Bauern erst gar nicht bei den Autoritäten. Dies führt zu einer sehr grossen Unterschätzung der verursachten Schäden. So verloren zum Beispiel - aufgrund von Fehlern, die von der Antidrogenpolizei begangen wurden - 42 Familien, die in verschiedenen Veredas des mittleren und unteren Caguán (Amazonasbecken) leben und die an einem Programm der regionalen katholischen Kirchgemeinde mitwirken, ihre Kulturen bis auf 6 Jahre hinaus. Wie in allen anderen Orten, wo Besprühungen intensiv durchgeführt wurden, wurden die Felder (Mais, Kartoffeln, Bananen, Kaffee, usw.) die Gemüse- und Früchtegärten, die Wiesen und die Fischzuchtanlagen der Bauern stark und auf längere Zeit hinaus beschädigt.(30)

Die Besprühungen verursachen nicht nur Vertreibungen, sondern sie schwächen auch die Gemeindeorganisationen, die eine wichtige Voraussetzung zur Durchführung der Projekte der alternativen Entwicklung sind. Letztlich sind es ja diese Gemeindeorganisationen, die in den vom Staat verlassenen Zonen ein soziales Gewebe zu bilden vermögen. Die Besprühungen verhindern, dass die Programme der alternativen Entwicklung durchgeführt werden können, denn sie verstärken die sozio-ökonomische Unordnung, welche die Autoritäten in der Vergangenheit weder kurz- noch mittelfristig mittels der legalen Vorschläge zur alternativen Entwicklung vergeblich wiederherzustellen versucht haben.

Partizipation der Gesellschaft

Dem kolumbianischen Staat fehlten und fehlen Mechanismen der Einbeziehung der gesellschaftlichen Akteure, welchen er ja verpflichtet ist, um über bestimmte Bereiche (wie die Besprühungen) zu entscheiden, welche die Souveränität der Akteure sowie die Zukunft des nationalen Erbes an natürlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ressourcen beeinflussen.

In diesem Sinn hat sich der Staat – der ja das kollektive Interesse repräsentieren sollte – in sein Gegenteil verkehrt. Er handelt wie ein Individuum, das zu seinem eigenen Vorteil die Vorzüge der Kontrolle der politischen Macht gebraucht. So verletzt er das Wesen des Staates als ordnendes Element, also sein eigenes Grundprinzip der Koordination der vielfältigen Einzelinteressen der Gesellschaft.

Kriminalisierung und Ausschluss

Obwohl der kolumbianische Staat die Antidrogenpolitik, die ihm von aussen aufgezwungen wurde, von Regierung zu Regierung mit Abstufungen, Graduierungen und verschiedenen Gewichtungen durchgeführt hat, unterwandert er langfristig seine Natur. Diese Tatsache wiederspiegelt sich im Ausschluss und in der Behandlung eines Grossteils der Bevölkerung als Delinquenten. Diese Behandlung drückt sich v.a. in der Distanzierung von und in der Abwesenheit institutioneller Bestätigung in mindestens einem Drittel seines Territoriums aus. Als Resultat davon mobilisierten sich 1996 mehr als 200'000 Kolonisten, Taglöhner und Händler während dreier Monate im Süden Kolumbiens, wodurch die Diskriminierung eines breiten sozialen Sektors, der dieses Territorium besetzt, vertieft wurde.

Die geographisch-regionale und soziale Unterscheidung der Besprühungen wiederspiegelt sich in der differenzierten Behandlung in den verschiedenen Produktionszonen. Das demographische, wirtschaftliche und politische Gewicht einiger Gegenden ermöglichte durch Mobilisierungen einen Unterbruch der erzwungenen Ausrottung. Trotzdem, unter Berücksichtigung von Umweltüberlegungen und der Wirkung auf die Legitimität des Staates ist diese Handhabung kontraproduktiv. Das Massiv der Sierra Nevada de Santa Marta, wo es gelang, die Besprühungen zu stoppen, ist so fragil wie das Massiv der Serranía de Perijá oder die Böden und die Umweltdiversität der Amazonasregion, die seit 1992 intensiv besprüht wurde, ohne das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz noch den generellen Charakter der Norm zu beachten, sondern nur der partikularen politischen Zweckmässigkeit gehorchend.

Aufgrund der Tragweite, die die Ausrottungen auf die Gemeinschaften der Kolonisationszonen und auf die Kleinbauern und Indigenen der andinen Zone hat, sowie wegen den Folgen der illegalen Produktion und der Drogenbekämpfungsmassnahmen auf eine grosse Umweltdiversität sowohl des tropischen Feuchtwaldes wie auch des andinen Hochwaldes, sollte diese Politik das Resultat breiter Prozesse der Teilnahme und von legitimen Entscheidungsmechanismen sein, die versuchen, die involvierten Akteure sowohl auf die Umweltschäden als auch die Resultate dieser staatlichen Entscheidungen zu verpflichten.

Nur schon die Stabilisierung der Prduktionsregionen wäre für sich ein Erfolg für die Antidrogenpolitik. Die Schäden, die durch die andauernde Verschiebung des Problems entstehen, würden zurückgehen. Dieses Ziel steht aber im Gegensatz zu den Interessen gewichtiger Politiker. Mit dem Krieg gegen Drogen versuchen sie sich bei den Wählern in Ländern, wo ein grosses Problem des Drogenmissbrauchs besteht, zu legitimieren. Nur schon die Stabilisierung der Prduktionsregionen wäre für sich ein Erfolg für die Antidrogenpolitik. Die Schäden, die durch die andauernde Verschiebung des Problems entstehen, würden zurückgehen. Dieses Ziel steht aber im Gegensatz zu den Interessen gewichtiger Politiker. Mit dem Krieg gegen Drogen versuchen sie sich bei den Wählern in Ländern, wo ein grosses Problem des Drogenmissbrauchs besteht, zu legitimieren.

Wie dem auch sei, eine Strategie in die erwähnte Richtung würde sich auf die Anerkennung der Rolle der organisierten, regionalen Gemeinschaft stützen. Der Respekt für die Abkommen zwischen der Regierung und der Gesellschaft würde hervorgehoben und wäre ein Anfang, um die sozioökonomischen, ethischen und Umweltbedingungen zu schaffen, um eine einseitige Abhängigkeit von der illegalen Wirtschaft zu verhindern. Es würde ein neues Szenario entstehen, um die Schäden und Risiken der illegalen Produktion zu mindern.

Staat, Besprühungen und allgemeine Prinzipien der Legitimität

Die Massnahmen, die im Namen der Verteidigung der hemisphärischen Demokratie gerechtfertigt werden sollen - die Drogen werden als grosse Gefahr für die Demokratie betrachtet - führen dazu, dass diese Demokratie dadurch am meisten verletzt wird. Dies nicht nur durch den Grosshandel illegaler Drogen, sondern auch wegen der Politik, die im Namen der Freiheit und der Verteidigung der Gesellschaft als hauptsächliche Rechtfertigung des Antidrogenkampfes angeführt wird.

Bei der Durchführung der Besprühungsaktionen hat sich ein normativer Prozess ergeben, der das Gegenteil von dem ist, was ein moderner Staat verfolgen würde. Anstatt die Verteidigung der für das demokratische Leben der kolumbianischen Gesellschaft notwendigen Grundprinzipien durch den Staat zu privilegieren, wurde eine Normativität erarbeitet, die den Massnahmen der erzwungenen Ausrottung als Verteidigung und Rechtfertigung dienen. Dieser Sachverhalt wird durch die Tatsache bestätigt, dass die Besprühung zum Bereich der Sicherheit gezählt werden. Dadurch werden sie einer Reihe von Bestimmungen über kollektive Unsicherheit entzogen, die aus der undifferenzierten Handhabung von Chemikalien herrühren. Tatsächlich deslegitimiert sich der kolumbianische Staat durch seine Nachgiebigkeit gegenüber dieser Politik nicht nur selbst, sondern wird selbst auch zu einem der Hauptverursacher von Umweltunsicherheit.

Die Kriegsbehandlung, die die Besprühungen begleiten und die sich in den operativen Verordnungen und den Reglementen, die typisch für einen bewaffneten Konflikt sind, ausdrücken, verletzten die Grundrechte der Gemeinschaften. Diese Tatsache findet ihr Echo in der pragmatischen politisch-militärischen Vorherrschaft der Aufständischen und trägt dazu bei, ein Typus von Legitimität der bewaffneten Aufständischen für einen Grossteil des kolumbianischen Territoriums zu akzentuieren. Dieses Phänomen drückt sich in der Fähigkeit der Aufständischen zu bewaffneten Reaktionen gegen das Personal und die Sprüh-Flugzeuge aus.

Allgemein gesprochen hat die Einbettung des Problems der illegalen Pflanzungen in den Kontext des bewaffneten Konfliktes mehrere Richtungen:

  1. Die illegale Wirtschaft der Drogen ist eine wichtige Finanzierungsquelle der bewaffneten Gruppen die auf dem Kriegsszenario in Kolumbien präsent sind. Die territoriale Kontrolle, die schon immer über die vom Staat seinem Schicksal überlassenen Kolonisationszonen ausgeübt wurde, führte schlussendlich dazu, dass die Guerilla auch von der wirtschaftlichen Antwort der Gemeinschaften, die begannen, Rohstoff zur Erarbeitung von Betäubungsmitteln zu produzieren, profitierte. Das den Campesinos auferlegte „gramaje" wie auch die den Labors, Pisten und illegaler Drogenladungen der Drogenhändler auferlegten Steuern wurden zu einer wichtigen Einkommensquelle. Eine kürzliche Studie zeigt, dass die Guerilla zwischen 1991 und 1996 über verschiedene illegale Mechanismen ungefähr eine Gesamtsumme von 2,4 Mia USD erhielt, das Äquivalent von 5,25% des kolumbianischen BIPs (31). Die Verteilung nach einkommensschaffenden Aktivitäten für diese Summe ist in folgender Tabelle dargestellt.

    Tabelle Nr 15
    Finanzierungsquellen der Guerilla in den Jahren 1991 – 1996

    Aktivität Einkünfte
    (U.S.,miliones)
    %
    Drogenhandel 1'067 44,45
    Raub und Erpressung 657 27,36
    Entführung 525 21,89
    Investitionen und Mittelabzweigung 151 6,3
    Total 2'400 100
    Quelle: Portafolio vom 10. März 1998

    Für diese Periode brachten die dem Drogenhandel auferlegten Steuern der Guerilla jährliche Einkünfte von berechneten 152 Millionen Dollars; diese Zahl hat in den letzten drei Jahren aber aufgrund der steigenden Teilnahme der Aufständischen im Prozess der Kommerzialisierung des Rohstoffes und der Besteuerung anderer Phasen des Prozesses, die sich in den Zonen unter ihrer Kontrolle abwickeln, zugenommen. Neuere Daten gehen von Einnahmen aus dem Drogenhandel von der Grössenordnung von 300 Millionen USD jährlich aus.

    Wenn man diese Beträge mit den Zahlen, die die kolumbianischen Drogenhändler zurückfliessen lassen, nachdem sie die illegalen Exporte im Umfang von geschätzten 2,5 Mia. USD getätigt haben, vergleicht, muss man anmerken, dass man es nicht mit einer anderen Gruppe organisierter Kriminalität zu tun hat, sondern mit einer politisch-militärischen Organisation, die mit einem Teil (ungefähr 12% der rückfliessenden Summe) der Gewinne aus der Drogenwirtschaft Krieg betreibt.

    Trotzdem führt Washington heute den grössten Teil seiner Mittel der Militärhilfe der Bekämpfung der Guerilla zu, während dem die Drogenhändler, die 88% der Drogengewinne kontrollieren, in aller Stille ihre organisatorischen Strukturen in verschiedenen Teilen Kolumbiens wieder aufgebaut haben.

  2. Wie schon aufgezeigt wurde, führen die gegen die illegalen Pflanzungen durch Besprühungen mit Kriegsmechanismen durchgeführten Kraftakte zu schweren Beeinträchtigungen der Grundrechte und der Sicherheit der in den Kokaregionen ansässigen Gemeinschaften. Diese Situation führt schlussendlich dazu, dass die bewaffnete Antwort die einzige Antwort ist, womit die Aufständischen eine politische Legitimation erhalten, erleichtert durch die Entscheidungen zur Gewalt von Bogotá und Washington. (Vgl. Tabellen No 6 und Grafiken 6 und 7).

    Tabelle Nr 16
    Gewalttätige Aktionen der Aufständischen gegen Besprühungspersonal und –flugzeuge (1995 bis 1997)

    Angriffe Jahre Total
      1994 1995 1996 1997  
    Havarierte Flugzeuge 3 5 19 13 40
    Abgeschossene Flugzeuge 14 21 11 8 54
    Havarierte Helikopter   3     3
    Tote 9 22 0 1 32
    Verletzte 7 43 1 9 60
    Quelle: Antidrogenpolizei

    Grafik Nr 6
    Gewalttätige Aktionen der Aufständischen gegen Personal das Besprüht, 1995 –1997

    Grafik Nr 7
    Gewalttätige Aktionen der Aufständischen gegen besprühende Flugzeuge 1995-97

In dieser Hinsicht ist die kürzliche Entscheidung der USA, innerhalb der kolumbianischen Armee eine Elitetruppe zur Drogenbekämpfung zu schaffen, eine Quelle der Konfliktsverschärfung. Dadurch wird ein Drittel des kolumbianische Territoriums mit einer Bevölkerung von mehr als 2 Millionen Personen betroffen.

Auf diese Weise ensteht ein gefährlicher Übergang von einer Politik, die ursprünglich zum Ziel hatte, das Angebotsniveau an illegalen Substanzen zu reduzieren, hin zu einem Konzept des „Feindes" – notwendig für die Rechtfertigung des Krieges – das sich einseitig in den aufständischen Organisationen verkörpert, die tatsächlich den grössten Teil des Territoriums kontrollieren, in denen die illegalen Rohstoffe produziert werden. Der Diskurs von der Narcoguerilla macht diese politische Rechtfertigung funktional und schafft eine unerschöpfliche Quelle für die Erarbeitung neuer Bilder, welche die Antidrogenverpflichtung der radikalsten US-Politiker gegenüber ihren Wählern illustrieren.

- Die militärische Behandlung des Phänomens der Drogen hat zunehmend dazu beigetragen, die Grenzen zwischen dem Thema der Drogen und dem Bereich des bewaffneten Konfliktes zu verwischen. In diesem Sinne vertiefen sich die Verzerrungen der Entscheidungsstrukturen Washingtons für den kolumbianischen Fall.

Indem der Antidrogenkrieg und innerhalb dessen die Erfüllung der erzwungenen Ausrottung als prioritär angesetzt werden, werden die zivilen und wirtschaftlichen Rechte, die Umweltrechte und die rechtlichen Vorgehensweisen unterhöhlt. Auf diese Weise sind die Prinzipien, die mit dem Kampf gegen die Drogen verteidigt werden sollten (Demokratie, soziale Ethik, Souveränität, Erfüllung der Gesetzes und so weiter) gerade diejenigen, die durch die aktuelle Antidrogenpolitik am meisten in Mitleidenschaft gezogen werden. Wie schon gezeigt, führt die kompromisslose Anwendung dieser Politik zu einer steigenden Intervention im bewaffneten kolumbianischen Konflikt. Dies ist ein Phänomen, das durch den Druck verschlimmert wird, den die radikalsten Sektoren in Washington ausüben, die bessere Resultate in der Verringerung des Angebotes verlangen. Auf diese Weise bildet sich eines der Phänomene heraus, die die Schaffung von Bedingungen des Vertrauens und der Sicherheit zwischen den Parteien behindern und den Krieg in Kolumbien dynamisieren.

Illegale Pflanzungen, Antidrogenpolitik, bewaffneter Konflikt und das Problem der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts

Die Zunahme der gewaltsamen Aktionen, wie der Besprühungen im Kontext des bewaffneten Konfliktes, stellen hohe soziale Kosten im Bereich der Menschenrechte und in der Verletzung des humanitären Völkerrechts dar.

Die gewalttätigen Attacken der Guerilla gegen die Sprühflugzeuge und gegen die Antidrogenbasen, die durch private und illegale bewaffnete Gruppen im Namen des Kampfes gegen die Guerilla begangenen Massaker, die Umstände, unter denen sich die Aufstandsbekämpfung der Sicherheitsorgane abspielen, die weder neutrale Räume noch Akteure akzeptieren, sowie die wirtschaftliche Nutzniessung des Drogenhandels durch die Gesamtheit der bewaffneten Akteure des internen Konfliktes führen dazu, dass die Drogenbekämpfung Teil des bewaffneten Konfliktes Kolumbiens werden.

Die wichtigste Konsequenz davon ist die Wahrnehmung der kokanbauenden Zivilbevölkerung als integraler Teil des internen Krieges. Auf diese Weise dehnt sich die Degradierung, die den kolumbianischen Konflikt kennzeichnet, auf die Gesellschaft dieser Zonen aus, die mehr als jeder andere Akteur die Folgen der erzwungene Ausrottung, der Abfangaktionen, der Massaker erdulden; dadurch werden gewalttätige Vertreibungen vom Land in die Stadt und in andere ländliche Gebiete ausgelöst.

Ergänzend führt die fehlende Legitimität des formalen Zentralstaates dazu, dass die verschiedenen bewaffneten Gruppen Macht ausüben, um das Gemeinschaftsleben, die Umweltproblematik, die Situation der öffentlichen Verwaltung, die Arbeitsbeziehungen, die öffentliche Ordnung etc. regulieren. Dies alles geschieht mit Normen, die typisch sind für Kriegsszenarien, wo die persönlichen Freiheiten der Zivilbevölkerung, die Dynamik der Erziehung, die Schaffung einer Umweltkultur und die gemeinschaftliche Teilnahme eingeschränkt werden zugunsten drakonischer Mechanismen zur Regulierung des ganzen sozialen Lebens.

Diese Situation wirkt sich auf die Bedingungen von Frieden und Zusammenleben aus, die notwendig sind, um Schadensminderungsprogramme der einseitigen Abhängigkeit von illegalen Pflanzungen seitens einer grossen Zahl von Gemeinschaften im Süden Kolumbiens und von vielen armen oder verarmten Zonen der Andenregion durchführen zu können.

Die Beträge der Militärhilfe, die im Namen des Kampfes gegen die Drogen von Washington gutgeheissen wurden sowie diejenigen, die zum Beginn des neuen Jahrtausends gefordert werden und die Kolumbien weltweit an die dritte Stelle der Empfängerländer solcher Mittel setzen, schlagen sich auf die Schaffung der Autonomie nieder, die die Nation braucht, um ihre Konflikte zu lösen.

Es wird so eine Internationalisierung des Krieges gestärkt, die von einem Diskurs der regionalen Unsicherheit begleitet wird und die von einigen Regierungen, wie der peruanischen, gerne aufgenommen wird und zum Niveau von Misstrauen an den Grenzen mit Panamá, Ecuador, Brasilien und Venezuela beiträgt. In diesem Prozess ist die Internationalisierung vom Diskurs der Narcoguerilla funktional geworden.

Drogenhandel, strukturelle Probleme und Antidrogenpolitik

Schlussendlich existieren strukturelle Bedingungen die im kolumbianische Fall ein ideales Szenario dafür bilden, dass der Drogenhandel seine illegale Macht ausdehnt und entwickelt und dabei sich hin zu verschiedenen Formen der Legalisierung wandelt.

Diese verwirrlichen Szenarien vervollständigen sich mit alarmierend hohen Niveaus der Straflosigkeit und einer prekären Lage der Justiz, was sich wiederum im Verlust von Legitimität, Kontrolle und Abschreckungsmacht gegenüber den Hegemonieabsichten der privaten Gruppen ausdrückt, die die legitime Gewaltanwendung des Staates ersetzen. So wiederspiegelt sich die Krise auch im Irrtum der Kriminalpolitik und führt auch zu einer uralten Instabilität in der Handhabung des ganzen Gefängnissystems.

Als Resultat hat der Drogenhandel die Prozesse der Neudefinierung in der Landbesitzstruktur durch eine starke Konzentration oder die Errichtung von hegemonialer Kontrolle über Territorien, die für Investitionen des Grosskapitals attraktiv sind, beschleunigt. Mit Viehzüchtern, Investoren und kommerziellen Grossbauern wurde die Schaffung von Privatarmeen gestärkt, die sich in der öffentlichen Meinung als Selbstverteidigung gegenüber den Auswüchsen der Guerilla präsentieren. Diese Privatarmeen spielen gleichzeitig eine extensive Rolle als gewalttätiger Enteignungsmechanismus gegenüber Indigenen, Kleinbauern und Kolonisten, die in diesen Zonen siedeln. So ensteht ein grosser sozialer Zusammenhang der Dynamiken und Rhythmen der Gewalt und der gewalttätigen Vertreibung , die schlimmer sind und ein grösseres Niveau erreichen als die Gewalt, die durch die illegale Produktion und den Handel mit unerlaubten Substanzen verursacht wird.

Die Antidrogenstrategien beachten diese Dimensionen des Problems nicht oder halten sie aufgrund ihres strukturellen Charakters für zweitrangig, was mit der Suche nach kurzfristigen Resultaten kontrastiert. Durch eine vereinfachte Lektüre der Situation besetzen die illegalen Kulturen heute den grössten Teil des Militärbudgets für Drogenbekämpfung und macht Anstrengungen zunichte, die sich in eine völlig andere Richtung hin bewegen sollten.Die Antidrogenstrategien beachten diese Dimensionen des Problems nicht oder halten sie aufgrund ihres strukturellen Charakters für zweitrangig, was mit der Suche nach kurzfristigen Resultaten kontrastiert. Durch eine vereinfachte Lektüre der Situation besetzen die illegalen Kulturen heute den grössten Teil des Militärbudgets für Drogenbekämpfung und macht Anstrengungen zunichte, die sich in eine völlig andere Richtung hin bewegen sollten.

 

Schlussfolgerung:

Die Notwendigkeit einer Neuformulierung der Politik

Aus diesen Gründen ist es unumgänglich, über eine strukturelle Neuformulierung der Politik nachzudenken, die punktuelle Aspekte aufnimmt wie z.B.:

  1. Die Entkriminalisierung der kleinen und mittleren Produzenten. Damit verlieren sie ihre Marginalität gegenüber dem Gesetz und können als legale Verhandlungspartner dem Staat gegenübertreten.
  2. Respekt und Schutz der Menschenrechte und Anerkennung der Produzenten als nichtkämpfende Zivilbevölkerung. Sie sind heute im Kontext der Konfrontation die hauptsächlichen Opfer des bewaffneten kolumbianischen Konfliktes, der sich zunehmend verschlimmert.
  3. Erarbeiten einer nachhaltigen Politik im Wirtschafts- und im Umweltbereich für die von der illegalen Wirtschaft abhängigen Zonen. Dieser Politik muss langfristiges Gewicht zuerkannt werden, weshalb es unumgänglich ist, graduelle Substitutionsprozesse der der illegalen Wirtschaft einzuleiten.
  4. Territorialpläne und Umweltordnungen, die sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen der Produktionszonen anerkennen; Alternativen aufbauen, die diesen Bedingungen der Territorien entsprechen, die sich heute der illegalen Produktion widmen. Die Teilnahme der Gemeinschaften in diesem Suchprozess muss gewährt werden, damit ihre Anliegen aufgenommen und umgesetzt werden können.
  5. Schlussendlich muss anerkannt werden, dass das aktuell angewandte Modell der Angebotsreduktion für Zonen mit illegalen Pflanzungen gescheitert, ungangbar und kontraproduktiv ist. In diesem Sinn dürfen sich die Anstrengungen nicht mehr weiter auf die Zerstörung der Pflanzungen durch Besprühung mit Chemikalien konzentrieren. Abschreckende Strategien müssen versuchen, die Rohstoffnachfrage seitens der Organisierten Kriminalität einzuschränken, was Entscheidungen mit langfristigen Wirkungen nötig macht, mit denen versucht wird, auf die aufgezeigten strukturellen Elemente einzuwirken, welche die steigende Beeinflussung des ganzen wirtschaftlichen und politischen Lebens des Landes durch die Drogengelder fördert.

 

 

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